top of page

INTERVIEW

mit Annika Reuter

Die Ex-Lehrerin spricht mit uns über die Herausforderungen ihres Schulausstiegs, wie es sich anfühlt, im freien Fall zu sein und warum sie sich nicht mehr vorstellen kann, wieder als Lehrerin zu arbeiten.

AR 19 05 23  IMG_0412 alle klein_edited.

Als Beamt:in wird man ansonsten nur so behandelt, wenn man unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wird, weil man zum Beispiel zwölf Monate im Gefängnis war.

Warum war es denn so schwer, aus dem Schuldienst auszusteigen?
Man kann sich von außen gar nicht vorstellen, dass das so ein komplizierter Prozess ist.

ANNIKA REUTER: Und wie kompliziert das ist! Es wird mittlerweile einfacher, weil sich wichtige Fakten über die sozialen Medien endlich verbreiten, aber als ich 2019 aussteigen wollte, gab es noch fast gar nichts – keine zugänglichen Informationen, wie man rauskommt, was mich nach der Entamtung erwartete und wen ich bei Fragen ansprechen konnte. Ich hatte absolut keine Ahnung und bis heute kennt sich das Arbeitsamt in der Regel ebenso wenig aus wie Lehrergewerkschaften. Dazu kam, dass ich im gesamten Umfeld nicht gerade auf Verständnis stieß.

Worauf verzichtet man denn genau, wenn man sich entamten lässt?

ANNIKA REUTER: Zuallererst hat man in Nordrhein-Westfalen auf seine gesamten erarbeiteten Pensionsansprüche verzichtet. Erst 2026 wurde das Altersgeld eingeführt, das andere Bundesländer schon längst hatten. Da darf man die erarbeiteten Pensionsansprüche in Teilen behalten. Mein Bruttoeinkommen wurde nach meinem Ausstieg jedoch noch wie eine reguläre Rente nachversichert. Dadurch habe ich sehr viel Geld verloren. Ansonsten wird man als Beamt:in so nur behandelt, wenn man unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wird, weil man zum Beispiel zwölf Monate im Gefängnis war.

Vermisst du irgendetwas am Schuldienst?

ANNIKA REUTER: Ich habe zwar immer gerne mit den Menschen in der Schule gearbeitet, hatte Spaß am Unterrichten, an Teamwork und liebte meine Klassen. Aber Intensität und Verantwortung waren zu krass und ich muss ganz ehrlich sagen: Ich vermisse absolut nichts. Ich bin kein sentimentaler Mensch.

Bei welchen Dingen bist du besonders froh, dass du sie los bist?

ANNIKA REUTER: Ich hatte zwei Korrekturfächer und mein größter Lebenstraum war es, nie wieder zu korrigieren. Ich genieße bis heute, dass mein Kopf endlich frei ist und ich Wochenenden oder einfach mal einzelne Tage zwischendurch richtig entspannen kann. Dass ich nicht mehr an Ferienzeiten gebunden bin, um wegzufahren oder dass ich nicht mehr tagtäglich mit Informationen und Menschen zugeballert werde. Das hat mich immer wahnsinnig gestresst und ich hatte dadurch zahlreiche gesundheitliche Beschwerden, die ich endlich losgeworden bin. Am schönsten ist es, dass ich wieder erholsam schlafe.

Das hört sich an, als wäre es dir gesundheitlich wirklich schlecht gegangen …

ANNIKA REUTER: Ja, ich war dauerhaft in ärztlicher Behandlung und hatte Kundenkarten in verschiedenen Apotheken. Da war seelisch und körperlich vieles im Argen und nach dem Schulausstieg hatte ich erstmal mehrere Monate extrem mit meiner großen Erschöpfung zu tun. Die zeigte sich fast drei Jahre immer wieder phasenweise und ich habe mittlerweile sehr viel Zeit und Geld in meine Heilung investiert. Heute, knapp sechs Jahre später, würde ich mich als gesund bezeichnen.

Lest meine Bücher!
Macht euch mündig!
Jede Person soll ihren eigenen
Weg gehen, aber bitte
mit dem notwendigen Wissen!

Was ist deine größte Kritik am Schulsystem?

ANNIKA REUTER: Dass es Menschen in der Unmündigkeit hält, indem Informationen für die Selbstbestimmung zurückgehalten werden. Und das gilt für Lernende, die nicht beigebracht bekommen, was sie für ein selbst bestimmtes Leben brauchen, und die Lehrkräfte. Der Dienstherr, also das jeweilige Bundesland, hat all diese Paragrafen für die Lehrer:innen, aber was er selbst einzuhalten hat und was „staatliche Fürsorge“ genau bedeutet, weiß kein Mensch. Der Dienstherr geht sauschlecht mit seinen Diener:innen um. Es ist ein durch und durch menschenunfreundliches System mit fragwürdigen Werten, das Fehler abstraft, Menschen in Raster presst, abfertigt, aufs Funktionieren vorbereitet und auf Leistung drillt. Und das hat direkte Auswirkungen auf den Unterricht und die Schüler:innen.

Du hältst auch Vorträge vor Referendar:innen. Was rätst du angehenden Lehrer:innen?

ANNIKA REUTER: Macht euch mündig! Jede Person soll ihren eigenen Weg gehen, aber bitte mit dem notwendigen Wissen! Ich erlebe immer wieder, dass viele junge Leute ein extrem romantisiertes Bild vom Beruf Lehrerin oder Lehrer haben. Traut euch, auch die unschönen Realitäten anzuschauen und trefft dann auf dieser Basis eure eigene Entscheidung. Nur wer weiß, worauf er oder sie sich einlässt, kann sich im Notfall auch entsprechend helfen.

Wenn du dir deinen Weg so anschaust: Was würdest du im Nachhinein anders machen?

ANNIKA REUTER: Ich wäre gerne schon als Schülerin mehr mit meinen wahren Talenten und Wünschen in Kontakt gebracht worden. Oder hätte im Studium über Alternativen zum Lehrberuf erfahren wollen oder darüber, was es psychisch und körperlich bedeutet, sich verbeamten zu lassen, was es für Unterstützungsmöglichkeiten gibt. Wenn ich früher verstanden hätte, aus welchen Motiven ich was tue oder eben nicht tue, hätte ich sicher früher einen gesünderen und für mich stimmigeren Weg einschlagen. Aber natürlich hätte ich dann auch viele Learnings verpasst. Durch meine Ausbildung und Lehrerinnentätigkeit kann ich natürlich heute effizient meine Zeit managen, im Akkord lesen, schreiben und lektorieren oder weiß sehr gut über diverse Heilmethoden Bescheid.

Könntest du dir vorstellen, nochmal in den Schuldienst zurückzukehren?

ANNIKA REUTER: Nein, nur im alleräußersten Notfall, wenn ich ganz dringend Kohle bräuchte und keine Alternativen hätte. Mein Körper würde da blockieren, der macht so einen Stress nicht mehr mit.

Was wünscht du dir für die Zukunft von Schule?

ANNIKA REUTER: Meiner Meinung nach ist das deutsche Schulsystem nicht mehr tragbar. Es muss von Grund auf modernisiert werden. Ich wünsche mir, dass Schule endlich menschenfreundlich wird und liebend mit allen umgeht, die sie besuchen, in ihr arbeiten oder sonst wie involviert sind. Dass Lehrer:innen endlich ermündigt und mutig werden, denn sie sind viel machtvoller, als sie es bisher verstehen. Wir brauchen sinnvollere Lerninhalte und Schule sollte von Menschen gemacht werden, die Ahnung haben. Und Politiker:innen sollten endlich aufhören, so viel Blödsinn zu reden, und viel Geld in Bildung investieren. Denn an Schulen liegt das Fundament für die Zukunft unseres Landes.

Was rätst du Lehrerinnen und Lehrern, die aktiv im Schuldienst sind?

ANNIKA REUTER: Lest meine Bücher. Und hört auf mit dem blinden Respekt vor Autoritäten. Informiert euch über eure Rechte, Privilegien und die Grauzonen und guckt ehrlich hin. Nutzt eure Privatversicherung für die gezielte, rechtzeitige Heilung von Erschöpfungszuständen und deckt die Glaubenssätze und Ängste auf, die euch im Funktionswahn halten und verhindern, dass ihr euch für euch selbst und andere einsteht. Wehrt euch und werdet laut. Gemeinsam könnt ihr viel bewegen.

bottom of page