Autorin Musikerin Coachin

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by Annika Reuter
Mein Herzöffner
YALA ODER WIE MAN (S)EIN LEBEN RETTET

Es gibt Momente, die lassen das ganze Leben eine neue Richtung einschlagen. Ende Dezember 2018 fand ich ein wichtiges Puzzlestück, um langsam aber sicher endlich dem Ruf meiner Seele zu folgen. Daher erzähle ich dir im Folgenden die Geschichte, wie es ein winziges Hündchen schaffte, mich tief zu berühren, mein Herz ganz weit zu öffnen und mir zu zeigen, was ich mir in meinem Innersten wirklich wünschte.
EIN UNERWARTETES WEIHNACHTSGESCHENK

Weihnachten 2018 besuchte ich meine damals beste Freundin während ihrer Weltreise auf Sri Lanka. Crazy sidenote: Bereits im Sommer zuvor war ich dort auf einer Ayurvedakur gewesen, die mich innerlich auf den Kopf gestellt hatte. Und bevor ich überhaupt wusste, dass wir uns auf Sri Lanka treffen würden, hatte mir meine Ärztin bereits verheißungsvoll mitgeteilt: "Sie müssen nochmal nach Sri Lanka - da wartet etwas auf Sie!"
Meine Freundin und ich verbrachten einen spannenden Heiligabend am Strand mit Regenbogen, Schildkrötenbabys und einem Einheimischen mit Motorradhelm, der sich hinter einer Hütte einen runterholte.
Am 27. Dezember befanden wir uns in der Nähe des Yala National Parks für eine Safari. Am nächsten Tag hielten wir schon morgens um sechs Uhr aus dem Jeep vor dem Parkeingang gespannt Ausschau nach exotischen Tieren. Als vor uns viele Jeeps etwas auswichen, machten wir uns schon Hoffnung auf den ersten Leoparden, entdeckten aber einen winzigen Hundewelpen, der ungeschickt die lange Straße entlang eierte. Doch in Ländern wie Sri Lanka gewöhnt man sich gezwungenermaßen an den Anblick ungeliebter Tiere. Mein "Helferinnen-Radar" war zu dem Zeitpunkt also bereits weitestgehend ausgeschaltet, um nicht bekloppt zu werden. Aber dieses Hundebaby versetzte mir einen Stich. Ich beruhigte mich, dass es sicher zu seiner Mama lief oder jemand es auflesen würde. Trotzdem ließ es mich während der gesamten sechststündigen Safari gedanklich nicht los.
Schon auf dem Parkplatz teile ich meinen Reis mit den Hunden
Auf dem Rückweg kamen wir an derselben Stelle vorbei und ich hielt Ausschau nach dem Hundebaby - in der Hoffnung, dass es nicht mehr da war, weil sein Besitzer es wiedergefunden hatte. Allerdings erblickte ich den Minihund erschöpft im hohen Gras und begriff: Hier hielt niemand an! Wenn ich es nicht tat, war dieses Tier verloren.
Ich schrie: "STOP, WE NEED TO SAVE THE PUPPY!", sprang raus, lief auf das Hündchen zu, das mit letzter Kraft einen verzweifelten Jauler ausstieß. Ich packte die erschöpfte Kleine in mein Tuch und hielt sie für den Rest der wackligen, windigen Jeepfahrt dicht an mich gedrückt und hatte vor lauter Ruckelei Sorge, sie könnte aufhören zu atmen. Als wir endlich in unserem Guest House ankamen, zeigte sich das Ausmaß des ganzen Elends: Die Kleine war übersät mit Läusen, Flöhen, Zecken, hatte überall offene Wunden von den Parasiten und sogar am Po ein weiteres Loch mit einer dicken Made drin.
Die Einheimischen guckten uns an, als wären wir bekloppt, uns so sorgenvoll um ein verlaustes Hündchen zu kümmern. Trotz einer gewissen Fassungslosigkeit gab uns der Besitzer des Guest Houses gekochten Reis zum Füttern und einen Karton zum weiteren Transport.
EINE NEUE REISEROUTE
Ich befreite 'Yala' mit Kokosnussöl von allen Parasiten und betupfte wunde Stellen mit der Jodsalbe aus meiner Reiseapotheke. Yala ließ alles über sich ergehen und schlief später erschöpft eingehüllt in meinem Tuch in ihrem Karton. Mit der begeisterten Hilfe unseres singhalesischer Safariguides fanden wir eine angebliche Veterinärin, die mir - warum auch immer - in ihrem Garten eine überfahrene Wildkatze zeigte und dann meinen Findling mit abschätzigem Blick kommentierte: "She is too weak!" Trotz großer Verwunderung ob meiner Sorge schrieb sie mir eine Vitaminpaste auf. Auch im Anschluss in der Apotheke, in der ich mit dem Welpen aufkreuzte, nahm ich trotz Sprachbarriere eine sehr starke Verwunderung gepaart mit Hilfsbereitschaft wahr.
Es gab ein Dog Shelter in Kandy, das in etwa auf der Reiseroute lag und wir planten die Anreise. Ich überlegte nicht lange, als das Shelter mitteilte, sie würden die Kleine nur aufnehmen, wenn wir sie nach Deutschland holten und die Kosten trugen. Direkt im Taxi überwies ich online 500€. Hier ging es hier um so viel mehr.

Im Podcast erzähle ich Eva, warum Yala ein Wendepunkt war:
GANZ SCHÖN LAUT!

Mit Yala im Karton fuhren wir erst mit dem Tuktuk, dann dem Taxi über sechs Stunden nach Ella, dem ersten Stopp. Von anderen Reisen kannte ich bereits halsbrecherische Bus- und Taxifahrten, sonst wäre mir kombiniert mit meiner Sorge mein Herz stehen geblieben! Durchgehend hatten wir Glück, Fahrer zu finden, die auch den Hund mitnahmen, und - nachdem uns ein anderes Guest House weggeschickt hatte - eine Unterkunft mit tierlieben Einheimischen. Dort wuschen wir Yala in einer kleinen Wanne die abgestorbenen Tierchen aus dem Fell und sie schrie als wollten wir sie töten! Was steckte Leben in der Kleinen! Zum Abendessen in der Stadt versteckte ich sie unter meiner Kapuzenjacke, wo sie friedlich schlief.

Yala schläft in der Jacke

GANZ SCHÖN FRECH!

Am nächsten Tag fanden wir einen Fahrer, der uns inklusive Hund im Karton acht Stunden nach Kandy fuhr. Yala verbrachte die ganze Reise schlafend, während ich vor Sorgen fast starb! Im Tikiri Trust Dog Shelter lebten über 250 Hunde und eine ganze Reihe Katzen. Padma, die Leiterin, war überzeugt, Yala wäre von Waranen, Leoparden, Krokodilen, Greifvögeln oder Hunden gefressen worden, wenn ich sie nicht aufgelesen hätte. Im Shelter gab es keine Möglichkeit, einen derart kleinen Welpen separat unterzubringen, aber am Folgetag würde Bianca mit drei geretteten Welpen anreisen und das Haus nebenan beziehen, bis sie mit ihnen in die Schweiz zurückreisen konnte. Sie würde sich um Yala kümmern. Meine Freundin war schon zum gebuchten Guest House aufgebrochen, ich aber blieb über Nacht in einer Wellblechhütte, um 'mein Baby' zu 'betreuen', bis ich sie am Sylvester Abend an ihre Pflegemutter übergeben konnte. Vor dem Schlafen hatte Yala eine Wurmkur bekommen und kackte nachts mehrere riesige Würmer aus. Außerhalb meiner Hütte war alles voller Hunde, die mich beschnüffelten, aber auch anbellten oder zwickten. Yala thronte derweil in einem Tragetuch vor meinem Bauch, hatte überhaupt keine Angst und guckte keck heraus.
GANZ SCHÖN STARK!

Exakt am 31. Dezember 2018 endete mein aktiver Teil in der Geschichte - mit einer Tuktuk Fahrt zu meiner Freundin ins Guest House, damit wir zusammen Sylvester feiern und ich zwei Tage später zurück nach Deutschland fliegen konnte. Von da an fieberte ich von Deutschland aus mit und verfolgte anhand Biancas Berichten, Fotos, und Videos bei WhatsApp Yalas Entwicklung. Das Leben im Shelter war gnadenlos: Zwischenzeitlich gab es eine Seuche, an der viele Hunde starben. Auch zwei der drei Hündinnen, die Bianca gerettet und bereits in die Schweiz vermittelt hatte, starben an heimtückischen Blutparasiten. Durchgehend litt und weinte ich mit, immer in Angst um meine Yala.
Yala mit ihren Hundeschwestern
Ich befand mich insgesamt in meinem Leben in einer komischen Phase. Der Lehrerinnenjob machte mir schon ewig keine Freude mehr, einen Partner zwecks Familiengründung fand ich auch nicht, mein Leben war irgendwie falsch, aber ich steckte schon länger fest. Doch ganz plötzlich, geradezu aus heiterem Himmel, war im Februar nachdem ich Yala gefunden hatte, plötzlich die innere Klarheit da: ICH STEIGE AUS DER SCHULE AUS!
YALA. Eine bewegende Geschichte
Aufgrund meiner Wohn- und Lebenssituation sah ich mich nicht in der Lage, sie aufzunehmen und suchte nach einer guten Unterbringungsmöglichkeit. Die Überführung von Tieren aus einem sogenannten Drittland nach Deutschland fordert gewisse Impfungen sowie einen Tollwutantikörpertest, was mehrere Monate benötigt. Im Juli sollte Yala mit Bianca und Nulu, ihrer letzten kleinen Hündin, die sie selber aufnehmen wollte, nach Deutschland fliegen. Regelmäßig zündete ich Kerzen für die kleinen Hundeseelen an und schickte Stoßgebete in den Himmel. Yala infizierte sich noch mit der Staupe, die sie wie durch ein Wunder überstand. Nur wenige Wochen vor der geplanten Reise starb auch Nulu – und nur Bianca und Yala kehrten zurück. Jetzt galt es noch, alle Daumen für die Reise im Frachtraum inklusive Zwischenlandung drücken. Als ich das erste Video einer fröhlich im deutschen Gras hüpfenden Yala geschickt bekam, wurde mein Herz endlich wieder weit.

ENDLICH DA
Vorbereitung auf die Reise

DAS WIEDERSEHEN
Von dem Moment, als ich Yala auflas, bis ich sie endlich wieder sah, war mein Innerstes im Ausnahmezustand. Sie hatte in mir alles auf den Kopf gestellt. Mir war vorher nicht bewusst, dass man von jetzt auf gleich mit so viel Herz und ohne Diskussion bereit sein konnte, alles für ein kleines Leben zu tun.
Yala ist inzwischen eine freche, verwöhnte – aber zahnlose Schweizerin, da durch die Staupe nach den Milchzähnen keine weiteren Zähne gewachsen sind. Sie lebt zusammen bei Bianca und ihrer Familie und ich bin stolze Patentante. Durch diese Geschichte werden wir immer verbunden sein.
Wiedersehen mit Bianca und Yala in der Schweiz

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